Was Goethe in seiner berühmten, von Johann Peter Eckermann notierten Gesprächsäußerung vom 31. Januar 1827 den Deutschen seiner Epoche in puncto "Schätzung des Ausländischen" ins Stammbuch schrieb, das praktizierte er selbst, der gewiß Ursache gehabt hätte, sich auf seine "poetische Gabe" und seine unendlich vielen "guten Gedichte" allerhand "einzubilden", in seinem literarischen Werk und zumal in seiner Lyrik in eindrucksvollem Grad: ein anti-pedantisches, gegen Engstirnigkeit, Chauvinismus und allen nationalen Dünkel gerichtetes Programm der Offenheit für die Poesie der anderen, des Sich-Umsehens "bei fremden Nationen", des Hörens auf die "Stimmen der Völker in Liedern", wie sein Weimarer Nachbar Johann Gottfried Herder dergleichen nannte, kurz: hier entstand große Dichtung aus einem kosmopolitischen Sensorium für "die Poesie" als "ein Gemeingut der Menschheit". Es sind gerade ihre vielfältigen produktiven Anschlüsse an Texte der chinesischen, indischen, persischen, arabischen Literatur, aber natürlich auch an die großen kanonischen Bestände der griechisch-römischen und anderer europäisch-abendländischer Dichtungstraditionen, die Goethes eigener Lyrik ihren weltläufigen Horizont und einen dezidiert anti-provinziellen Zug verliehen und sie so zu einer wahren "chambre d´échos" (Roland Barthes), einer "Echokammer" des im eigenen Text angeeigneten und fortgeschriebenen Fremden, haben werden lassen. Der Sommerkurs des Jahres 2006 wird diesen kosmopolitischen Dialog der Epochen und Kulturen in Goethes lyrischer Dichtung in der textnahen Interpretation und Diskussion eines ausgewählten Textkorpus erschließen, aber auch, als Fortsetzung dieses Dialoges, den produktiven intertextuellen Umgang jüngerer Lyriker (des 19. bis 21. Jahrhunderts) mit Goethes Gedichten unter die Lupe nehmen.
Das Seminar im Auftrag der Goethe-Gesellschaft in Weimar und unter der Leitung zweier international renommierter Germanisten wendet sich an Interessenten (vorzugsweise fortgeschrittene Studierende und Doktoranden) aus dem In- und Ausland, und zwar an Germanisten und Literaturwissenschaftler wie an Studierende aus anderen Fachrichtungen gleichermaßen. Nach einem im Sommerkurs 2005 erstmals erfolgreich erprobten Modell wird sich das Kursprogramm aus drei verschiedenen Komponenten zusammensetzen: Ein erster, wissenschaftlicher Hauptteil soll in intensiver Lektüre und Diskussion und im regelmäßigen Wechsel von Plenum und konzentrierter Kleingruppenarbeit mit den beiden Kursleitern und weiteren fachkundigen Dozenten in das ganze Spektrum von Goethes "Welt-Poesie" einführen und Weisen seiner "komparatistischen" Analyse erproben. -" Eine maßgebliche Intensivierung sollen diese Lektüren durch das zweite Element des Kurses erfahren, das aus Exkursionen zu den 'Erinnerungsorten´ der Weimarer Klassik und einer intensiven Fühlungnahme mit dem genius loci besteht: Geplant sind Besuche der wichtigen Weimarer 'Erinnerungsorte´ von den Schlössern und Parks der Umgebung über die Anna Amalia-Bibliothek bis zu den Weimarer Dichterwohnhäusern und den Sammlungen des Goethe-Schiller-Archivs. -" Eine dritte und letzte Sektion des Kurses ist, insbesondere im Rahmen von Abendveranstaltungen, für frei-kreative Eigeninitiativen auf den Spuren des Kursthemas vorgesehen. Hier soll Raum gegeben werden für die originelle, 'heutige´ Reaktion der Teilnehmer auf ihre Begegnung mit dem locus classicus Weimar im allgemeinen und mit Goethes "Welt-Poesie" im besonderen; möglich sind Lesungen und Rezitationen (eigener oder fremder Texte) ebenso wie Theaterimprovisationen, musikalisch-künstlerische Darbietungen oder auch einfach inspiriertes Palaver über Goethe und die Welt.
Das Seminar (mit maximal 20 Teilnehmern) findet in einem sehr international geprägten Ambiente als eigenes Programmangebot der Goethe-Gesellschaft im Rahmen der 7. Weimarer Sommerkurse statt. Unterbringung, Verpflegung und alle Seminardiskussionen erfolgen in den Räumen der Europäischen Jugendbildungs- und begegnungsstätte (in zentraler Stadtlage und in fußläufiger Entfernung zum Park an der Ilm und den Gedenkstätten der Weimarer Klassik). Allen angemeldeten Teilnehmern geht im Frühjahr 2006 ein detailliertes Kursprogramm mit gezielten Vorbereitungshinweisen zu.
