Partnerangebot: "...was vielen in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war..."

Kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat: Theorie, Geschichte und Wirklichkeit einer existentiellen Erfahrung
Europa ist in Bewegung: nach 1989 veränderten sich die postkommunistischen Gesellschaften, die Europäische Union erweiterte ihren Geltungsbereich und tausende Menschen folgen täglich den Kreisläufen des Geldes, der Waren und der Arbeitsplätze. Kriege, Bürgerkriege und ethnische Konflikte lösen Flucht- und Wanderungsbewegungen aus. Aus anderen Regionen der Erde kommen Hunderttausende vor allem in die mittel-, west- und nordeuropäischen Länder, um dort Zuflucht, Wohnung und Arbeit zu finden. - Wo so viele unterwegs sind, stellt sich die alte Frage nach der "Heimat" neu. Wer jedoch heute über "Heimat" redet, sollte die Vorgeschichte des Begriffs und die seines ideologischen Missbrauchs genau kennen. Gerade in Deutschland verbinden sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts, verstärkt aber seit der vorletzten Jahrhundertwende, Heimatbewusstsein und Nationalismus. Im Namen der "deutschen Heimat" wurde das ,Recht auf Heimat-Ü für andere bestritten, grenzte man ,Fremde-Ü aus der ,Volksgemeinschaft-Ü aus und träumte - vor allem ab 1933 - von der Expansion des "Deutschen Reiches" nach Osten. Die nationalsozialistische Ideologie und die Politik des "Dritten Reiches" zerstörte letztlich jede Naivität im Umgang mit Heimatgefühlen und Heimatbegriffen. Nach 1945 belastete vor allem die Verbandspolitik der so genannten "Vertriebenen-Verbände-Ü den öffentlichen Umgang mit der Idee "Heimat". Zudem wurde Heimat im "Heimatfilm", der "Volksmusik" und der populären Heimatliteratur hemmungslos sentimentalisiert und verkam zur Kulisse einer "heilen Welt" ohne Bezug zur Realität - was vor allem die jüngeren Generationen so empfanden. Als individuelles Gefühl von Geborgenheit, als Sehnsucht nach Heimat oder als Heimweh, blieb "Heimat" allerdings als Wert menschlicher Existenz für Viele weiterhin gültig. Erst die "neuen sozialen Bewegungen" der 1970er Jahre versuchten in ihrem Engagement für Natur und Umwelt und in der Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen in der Bundesrepublik, "Heimat-Ü als Begriff neu zu definieren und zu rehabilitieren. Doch anderen gelten Heimatgefühle bis heute als "zwiespältige Zufluchten" vor den Herausforderungen der modernen Gesellschaft. Der Kurs wird an wissenschaftlichen, publizistischen, vor allem aber auch an neueren literarischen Texten die Ideologie- und Begriffsgeschichte von "Heimat" ebenso nachzeichnen wie die ästhetische Umsetzung der utopischen Sehnsucht nach Vertrautheit, Geborgenheit und Herkunft. Ziel ist eine kritische Rekonstruktion, die das existentielle Bedürfnis vieler Menschen, Heimat zu haben, ernst nimmt. Denn "Heimat" als lebensweltliches Ziel wie als Utopie des "besseren Lebens" bleibt aktuell, auch und gerade in der globalisierten Welt Europas. Und gerade Schriftsteller versuchen immer wieder, im Bild der Heimat, wie es die Literatur entwirft, das Recht auf Heimat und den Wert menschlicher Geborgenheit einzuklagen angesichts zunehmend "unübersichtlicher" sozialer und ökonomischer Verhältnisse in unseren Industriegesellschaften. Folglich wird sich die Auswahl der zu behandelnden Texte nicht auf die deutsche Kultur beschränken; ausgewählte Autoren anderer Nationen werden in deutschen Übersetzungen gelesen. Der Kurs wendet sich primär an literaturwissenschaftlich Interessierte, steht jedoch auch Historikern und Sozialwissenschaftlern offen.

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