Häufig stehen wir vor dem Problem, dass wir handeln müssen, weil
Nicht-Handeln noch schlimmer wäre als Falsch-Handeln. Wir sind uns aber
nicht sicher ob wir ausreichende und richtige Informationen haben. Wir
wissen auch nicht sicher, ob unsere Denkweise über das Problem richtig
ist. Wie kann man in solchen Situationen moralisch richtiges Handeln
begründen? Das ist die Frage nach einer Ethik der Unsicherheit. Sie wird
in der Ringvorlesung am Dienstag, dem 1. Juni vom Rektor der
Fachhochschule Erfurt und zwei Kollegen behandelt werden. Prof. Dr. Wolf
Wagner wird Grundsätzliches zu der Frage sagen. Sein Kollege aus der
Landschaftsarchitektur, Prof. Frank Blecken, wird Beispiele aus dem
Umgang mit historischen Gartenanlagen vorstellen und der Kollege aus der
Restaurierung, Dipl.-Restaurator(FH) Kim Kappes, wird an einem Modell
vorführen, wie die Ethik der Unsicherheit in der Restaurierung von
historischen Glasmalereinen praktisch umgesetzt wird.
Wolf Wagner, 1944 in Tübingen geboren, erhielt bereits mit 16 Jahren ein
einjähriges Stipendium an einer US-amerikanischen Highschool. Später
studierte Wagner in Tübingen, Bonn und Berlin Politische Wissenschaft.
Von 1966 bis 1982 war er an der Freien Universität Berlin tätig, wo er
promovierte und habilitierte. Seit 1992 ist er Professor für
Sozialwissenschaften und Politische Systeme am Fachbereich Sozialwesen
der FH Erfurt und seit 2001 Rektor. Er ist Autor mehrerer bekannter
Publikationen, so des Dauerbestsellers "Uni-Angst und Uni-Bluff - Wie
studieren und sich nicht verlieren" und der unlängst erschienenen Bücher
"Kulturschock Deutschland" und "Kulturschock Deutschland- Der zweite
Blick".
Kim Kappes 1961 geboren, hat Tischler und Glaser gelernt, war
Psychiatriediakon in der DDR und hat deshalb die Anerkennung als
Dipl.-Soz.Arb. (FH) nach der Wende zuerkannt bekommen, hat dann als
einer der ersten Absolventen des Studienganges Restaurierung an der
Fachhochschule Erfurt den Titel Dipl.-Restaurator (FH) erworben. Er
leitet heute das Kooperationszentrum an der Fachhochschule Erfurt.
Prof. Frank Blecken hat 1970 den Dipl.-Ing. im Fach
Landschaftsarchitektur erworben, arbeitete dann sieben Jahre an der
Universität Hannover als Landschaftsarchitekt. Danach war er vier Jahre
im Kultusministerium des Landes Nordrheinwestfalen in Düsseldorf tätig.
Es folgten 14 Jahre Verantwortlichkeit für das Stadtgrün in Frankfurt am
Main. Seit 1995 hat er die Professur für Freiraumplanung und
Gartendenkmalpflege an der FH Erfurt inne.
Die achte Ringvorlesung der Universität beschäftigt sich im
Sommersemester mit dem Thema "Ethik in der Krise - Ethik für die Krise".
Ethiker sind derzeit bei den Diskussionen um das
Lebenspartnerschaftsgesetz, Stammzellen oder aktive Sterbehilfe gefragt.
Mit der großen Nachfrage nach Ethik, die sich auch in der Einsetzung von
Enquete-Kommissionen oder nationalen Ethikräten widerspiegelt, ist auch
eine große Unsicherheit verbunden. Immer wieder macht die Gesellschaft
die Erfahrung, dass die Ethik als wissenschaftliche Reflexion
moralischer Überzeugungen selbst Teil der Unsicherheiten ist, also -
wenn man so will - der krisenhaften Phänomene der Gegenwart. Die
Vorlesung in diesem Sommersemester ist der Überzeugung, dass die
ethische Reflexion einen Dienst anzubieten hat, den die Gesellschaft
braucht. Sie hat den Mut, einen Blick in die Werkstatt zu eröffnen, die
die wissenschaftliche ethische Reflexion gegenwärtig darstellt. Dieser
Blick soll zeigen, welche Chancen ethische "Beratung" aus den Reihen der
Wissenschaft für die gegenwärtige Gesellschaft in ihrer
Orientierungssuche bietet. Es ist Ethik für die Krise, also ein
Nachdenken über die Ressourcen der moralischen Überzeugungen, die Halt
geben, den Herausforderungen der Gegenwart standzuhalten und nach
menschlichen Lösungen Ausschau zu halten für die kommende Entwicklung.
Die gemeinsam mit der Fachhochschule, mit Unterstützung der
Sparkassenfinanzgruppe und der Universitätsgesellschaft Erfurt e.V.
veranstaltete und von der Thüringischen Landeszeitung präsentierte
populäre Reihe bietet jeweils dienstags (Beginn 18.00 Uhr in der
Michaeliskirche/Universitätskirche) in insgesamt 13 Veranstaltungen
Vorträge von Professoren verschiedener deutscher Universitäten.
Nächster Termin in der Reihe: 8.6.2004, 18.00 Uhr, Michaeliskirche,
"Ethik und Kunst", Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, Katholisch-Soziale
Akademie Münster
Zusätzlich ins Programm aufgenommen, 15.6.2004, 18.00 Uhr, "Wurzeln,
Status und Zukunft des Moralischen - Fragen über Fragen", Prof. Dr.
Winfried Franzen, Universität Erfurt
